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AI trifft auf Unternehmen ohne Zielbild

Warum der Effizienzreflex verständlich ist, aber strategisch zu kurz greift

AI-Strategie vor Tooling Key Visual

Ich erlebe gerade ein Muster, das mich zunehmend beschäftigt.

Unternehmen aus Industrie, Handel, Tourismus, Logistik sprechen über AI. Manche haben schon Piloten gestartet. Viele Mitarbeiter nutzen ChatGPT privat und fragen sich, warum das im Büro kein Thema ist. Und die Geschäftsführung spürt den Druck: Wettbewerber machen was, das Board fragt nach, irgendjemand auf LinkedIn behauptet wieder, dass AI-Unternehmen X in der Hälfte der Zeit liefert.

Das Ergebnis ist meistens dasselbe: Man fängt an. Irgendwo. Mit irgendetwas.

E-Mail-Templates werden mit ChatGPT geschrieben. Ein Marketingteam testet einen KI-Bildgenerator. Die IT prüft Copilot-Lizenzen. Jemand baut einen kleinen Automatisierungsworkflow, weil er ein YouTube-Tutorial gesehen hat.

Das ist kein Problem. Das ist sogar gut.

Das Problem ist, was danach kommt. Oder meistens nicht kommt.

Wer ohne Zielbild in AI einsteigt, landet fast immer beim Effizienzreflex. Verständlich. Aber zu kurz gedacht.

Der Effizienzreflex greift zu kurz

Wenn Unternehmen ohne strategisches Zielbild starten, automatisieren sie das Naheliegendste. Das fühlt sich nach Fortschritt an, weil es Fortschritt ist, aber nur punktuell und nur auf der Bottomline.

Was dabei entsteht, sind Insellösungen. Tools, die niemand außer ihrem Erbauer versteht. Workflows ohne IT-Governance. Anwendungen, die niemand betreiben kann, wenn der Kollege krank ist.

Und die Enttäuschung folgt auf dem Fuß. Die Unternehmensberatung Horváth hat 200 mittelständische Unternehmen befragt und kommt zu einem ernüchternden Befund: Erste KI-Anwendungsfälle haben oft nicht die erhofften Effizienzgewinne gebracht. Der Mittelstand hat daraus eine rationale Konsequenz gezogen und seine KI-Investitionen 2025 zurückgefahren, während der Gesamtmarkt sie erhöht hat. Der Abstand beträgt inzwischen rund 30 Prozent. [Quelle: Horváth (2026), Handelsblatt, WirtschaftsWoche]

Das ist kein Zeichen von Desinteresse. Es ist das Zeichen einer Enttäuschung, die hätte vermieden werden können, wenn die Frage vor dem Tool-Einsatz geklärt worden wäre: Was soll das hier eigentlich leisten?

Wer schon einmal erlebt hat, wie Microsoft Teams in Unternehmen eingeführt wurde, weiß, was ich meine. Teams war da, die Lizenz war bezahlt, und trotzdem wurde weiter per E-Mail kommuniziert. Weil niemand geklärt hatte, wann man was nutzt. Das war kein Tool-Problem. Das war ein Rollout- und Education-Problem.

AI in Unternehmen einzuführen ohne den Rahmen zu klären ist wie Teams auszurollen ohne zu erklären, wann man den Chat nutzt und wann die E-Mail.

Was wirklich fehlt, ist kein Tool

Die meisten Unternehmen haben kein fehlendes Werkzeug. Sie haben ein fehlendes Zielbild.

Nicht im Sinne einer ausgewachsenen AI-Strategie, die ein Beratungshaus in drei Monaten erarbeitet. Sondern im Sinne von Antworten auf drei Fragen, die vor jeder Toolentscheidung stehen müssen: Was will ich mit AI konkret erreichen, auf der Bottomline und auf der Topline? Wo kann AI mein Geschäftsmodell verändern, nicht nur meine Abläufe? Und welchen Rahmen brauchen meine Mitarbeiter, damit AI sinnvoll genutzt wird, ohne dass Wildwuchs entsteht?

Die dritte Frage wird am häufigsten übersprungen. Dabei ist sie die entscheidende.

Deloitte hat genau das für den deutschen Mittelstand in Zahlen gefasst: Zwei Drittel der Mittelständler erwarten in den nächsten drei Jahren eine branchenweite Transformation durch GenAI. Gleichzeitig schätzen sich drei Viertel bei Governance und Risikomanagement als nicht vollständig vorbereitet ein. [Quelle: Deloitte (2025)]

Der Druck ist angekommen. Der Rahmen nicht.

Leitplanken sind kein Bremspedal. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass Geschwindigkeit sicher ist.

Das ist ein Transformationsthema, kein Toolthema

Die Analogie zur klassischen Digitalisierung ist nicht zufällig. Wer E-Commerce zu spät angegangen ist oder blind in Plattformen investiert hat, ohne die interne Logik dafür aufzubauen, kennt das Ergebnis.

AI folgt demselben Muster. Und das Problem liegt selten in der Technologie. McKinsey hat in seiner globalen State-of-AI-Erhebung dokumentiert, dass viele Unternehmen KI in Piloten erfolgreich testen, an der Skalierung aber strukturell scheitern: unklare Verantwortlichkeiten, fehlende organisatorische Verankerung, Governance die hinter dem technologischen Fortschritt zurückbleibt. Skalierung ist kein technologisches Problem. Es ist ein Führungsproblem. [Quelle: McKinsey (2024)]

FOMO ist kein guter Kompass. Abwarten aber auch nicht. Was hilft, ist Klarheit darüber, wo man steht und wo man hinwill, bevor man entscheidet, womit man geht.

Das muss kein langer Prozess sein. Kein vorgelagertes Strategieprojekt, das drei Monate dauert, bevor die erste Zeile Code geschrieben wird. Es muss aber passieren. Parallel zur Umsetzung, nicht danach. Konkret auf Basis von echten Use Cases im eigenen Unternehmen. Mit dem Blick dafür, was kurzfristig realisierbar ist, was strategisch relevant ist und was AI auf der Topline bewegen kann, also dort, wo echte Differenzierung gegenüber dem Wettbewerb entsteht.

Strategie vor Tooling bedeutet nicht: erst denken, dann handeln. Es bedeutet: beides gleichzeitig, aber in der richtigen Reihenfolge.

Was ich daraus mache

Ich arbeite seit Jahren an der Schnittstelle von Strategie und Umsetzung. In Konzernen, im Mittelstand, in Transformationen, die geliefert haben, und in solchen, die daran gescheitert sind, dass niemand das Zielbild vor dem Tooling geklärt hatte.

Dieses Muster hat mich auch dazu gebracht, modelaiz zu bauen: ein eigenes AI-Produkt, das genau an diesem Punkt ansetzt, bei der strukturierten Klärung vor der Umsetzung.

Wenn du erkennst, wovon ich hier schreibe, und gern einmal in einem kurzen, unaufgeregten Gespräch schauen willst, wo dein Unternehmen steht, bin ich da. Kein Wochenaufwand. Kein Konzeptpapier ohne Konsequenz. Sondern ein Blick von jemandem, der den Unterschied zwischen Aktivismus und Wirkung aus der Praxis kennt.

Jens Arne Lück

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Quellen & Lesestoff

  1. Horváth (2026): KI-Investitionen und Digitalisierungsbudget https://www.horvath-partners.com/de/presse/detail/70-prozent-der-unternehmen-erhoehen-digitalisierungsbudget-im-schnitt-um-30-prozent-fast-ein-drittel-geht-in-ki-projekte Basisdaten zur Investitionsentwicklung und Einordnung Mittelstand vs. Gesamtmarkt.
  2. Handelsblatt: Mittelstand investiert weniger in KI https://wechselservice.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/studie-mittelstand-investiert-weniger-in-ki-kostenoptimierung-im-fokus/100189594.html Journalistische Aufbereitung der Horváth-Ergebnisse.
  3. WirtschaftsWoche: KI-Investitionen im Mittelstand https://www.wiwo.de/unternehmen/it/ki-mittelstand-bremst-bei-kuenstlicher-intelligenz-ruecklaeufige-investitionen/100189304.html Ergaenzende Einordnung der Horváth-Befunde.
  4. Deloitte (2025): Generative KI für den Mittelstand https://www.deloitte.com/de/de/services/deloitte-private/research/generative-ki-mittelstand-und-familienunternehmen.html Quelle für die Aussagen zu Transformationserwartung sowie Governance-/Risikoreife.
  5. McKinsey (2024): The State of AI https://www.mckinsey.com/capabilities/quantumblack/our-insights/the-state-of-ai-2024 Quelle für den Befund zur Lücke zwischen erfolgreichen Piloten und Skalierung.